Warum nur reflektieren anstatt Ausreden suchen Fußballer weiterbringt!

Warum nur reflektieren anstatt Ausreden suchen Fußballer weiterbringt!

In meiner Arbeit als Mentalcoach fühle ich mich manchmal wie ein Detektiv, der in Zusammenarbeit mit Sportlern nachforscht und nach spannenden Details sucht. Heute möchte ich ein praktisches Beispiel aus meiner Praxis bringen, wo ich zusammen mit einem Sportler einen enttäuschenden Wettkampf analysierte und wir spannende Erkenntnisse gewannen.
Beim letzten Coaching Termin mit einem Athleten, mit dem ich erst vor kurzem eine Zusammenarbeit startete, erzählte er mir am Beginn der Session, dass sein letzter Bewerb leider nicht so verlief wie er sich das vorstellte (aus Vertraulichkeitsgründen möchte ich die Sportart nicht nennen). Fragend nach möglichen Gründen, sagte er: „War nicht mein Tag.“ Immer wenn ich diesen Satz höre, weckt das meine innere Neugier, die wahren Gründe ausfindig zu machen. „War nicht mein Tag“ ist nur eine willkommene Ausrede, die Ursachen liegen ganz wo anders.
Jetzt begann meine Recherche, alle noch so kleinen Details des Wettkampfs zu analysieren. Er erzählte mir, dass der Bewerb eher mittelmäßig gut begann. Nach der ersten Wettkampfpause ließ seine Leistung aber drastisch nach. Es interessierte mich natürlich, was diesem Sportler während und nach der Pause so durch den Kopf ging. Nach den ersten Coaching Einheiten hatte er bereits gelernt, wie wichtig es ist, die inneren Selbstgespräche positiv und unterstützend zu führen, was ihm auch gut gelang. Wir fanden jedoch heraus, dass er mit seiner Aufmerksamkeit nach der ersten Wettkampfphase, nicht mehr im Hier und Jetzt war, sondern dass er zu rechnen begann, wie viel Punkte er noch benötigte um in die nächste Runde zu kommen. Dadurch konnte er sich nicht mehr voll und ganz auf seine Aufgabe konzentrieren und seine Leistungsfähigkeit abrufen.
-> Mögliche URSACHE 1 ausfindig gemacht!

 

Die Thematik „fehlender Fokus“ kommt natürlich auch immer wieder bei Fußballern vor. Zum Beispiel ärgern sich Spieler nach falschen Schiedsrichter Entscheidungen zu lange darüber und können sich nicht sofort auf ihr Spiel konzentrieren. Das sind oft Gründe für darauffolgende Fehler, die spielentscheidend sein können.
Kommen wir wieder zurück zu meinem Athleten. Ich fragte ihn natürlich auch, ob er seine „Vor-Start“ Routine (die wir schon vorher erarbeiteten) absolviert hatte, um mit einem guten inneren Bewusstseinszustand in den Bewerb zu starten. Wir müssen wissen, dass Routinen Sportler dabei unterstützen, ihre Gedanken zu strukturieren, emotionale Stabilität zu erlangen, ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und auf aufgabenrelevante Informationen zu achten. Diese trainierten Verhaltensmuster helfen dabei, die Trainingsleitungen auch unter Wettkampfbedingungen abrufen zu können. Ich konnte bei diesem Sportler jedoch ausfindig machen, dass er vor dem Wettkampf unerwarteten Anreisestress hatte. Er erreichte den Wettkampf Ort erst in letzter Minute und hatte keine Zeit, seine hilfreiche Routine zu absolvieren. Mitunter ein möglicher Grund, warum er eher mittelmäßig und gestresst in seinen Wettkampf startete.
-> Mögliche URSACHE 2 ausfindig gemacht!

 

Auch diese Ursachen sind sehr oft im Fußball zu finden, wenn Spieler mit einem schlechten inneren Bewusstseinszustand in das Spiel starten und dadurch falsche Entscheidungen treffen oder Fehler begehen.

Natürlich interessierte mich bei meinem Sportler auch, was ihm schon die Tage vor dem Wettkampf so durch den Kopf ging. Nach ausführlicher Analyse wurde ihm bewusst, dass er sich von seinen Teamkameraden zu sehr unter Druck setzen ließ und er ständig daran dachte, eine besondere Leistung erbringen zu müssen. Dadurch war er die Tage zuvor schon auf einem zu hohen Anspannungslevel, das ihm viel Energie kostete.
-> Mögliche URSACHE 3 ausfindig gemacht!

 

Auch im Fußball beginnt die Matchvorbereitung schon Tage vor Anpfiff. Hier ist es wichtig, dass Spieler ihr richtiges Anspannungslevel finden und die Aufmerksamkeit auf ihre Stärken lenken. Dadurch stärken sie auch ihr Selbstvertrauen und gehen somit lockerer Richtung Match Tag.
Umso wichtiger ist es, dass Spieler und Mannschaften in Mentalcoachings zur regelmäßigen Selbsteinschätzung aufgefordert werden, um ihre eigene Leistung zu beurteilen, ihre Stärken und Schwächen zu evaluieren, und somit in ihrem jeweiligen im Entwicklungsprozess weiter zu kommen. Diese Übungen bringen Spieler dazu, sich selbst gegenüberzutreten und Verantwortung für ihren persönlichen Fortschritt zu übernehmen.
Meine Aufgabe als Mentalcoach ist es, Spieler dabei zu unterstützen, ihre Leistungen zu reflektieren und dementsprechend zu optimieren.

Autor: Wolfgang Seidl
Bildquelle: RIPU Sportfotos